Du zweifelst – also schreibst du nicht?

So kannst du die Bremse ganz einfach lösen …
• Ich hab da eine Idee – aber ob die gut genug ist?
• Ich hab schon angefangen – doch schreibe ich gut genug?
• O.k., ich schreibe – aber interessiert das jemanden?
• Darf ich mich mit meinem Kram überhaupt in die Öffentlichkeit trauen?
• Ich finde ja sowieso keinen Verlag …

Na, erkennst du dich wieder? Bei einem dieser Zweifel – oder gleich bei mehreren? Ich hatte mich in mein Gärtlein gesetzt, um die Fragen zusammenzutragen, die mir Schreib-Anfänger wie Profi-Autoren am häufigsten stellen. Ich dachte mir nämlich: Wenn ich diese Fragen einmal für alle beantworte, spare ich viel Zeit (hihi) und es könnte vielen auf einmal geholfen sein (gut?). Beim Fragen-Sammeln und Aufschreiben habe ich aber schnell gemerkt: Im Schreiberling-Universum geht es für gewöhnlich weniger um Fragen als um ganz grundlegende Zweifel – erst wenn diese Zweifel überwunden sind, können die konkreten Fragen (zu konkreten Schreibvorhaben) kommen. Klingt logisch, oder?

Zweifel bremsen uns aus. Und der Zweifel, diese fiese Spaßbremse, kommt meist nicht allein. Nein, all zu gern hat er eine herzlich willkommene Begleiterin dabei: die Ausrede, die Entschuldigung. Unter dem Motto: Weil ich nicht weiß, ob meine Idee überhaupt gut ist, fange ich gar nicht erst an zu schreiben. Oder: Wer will denn das nachher lesen, was ich schreibe – lass ich's lieber gleich. Ich denke, es leuchtet ein, dass uns Zweifel beim Schreiben ähnlich nützlich sind wie der Besuch eines Ladens für hochklassige Schokolade während einer Diät? Also, ich mach mich jetzt mal ran an die Zweifel, die ich am häufigsten zu hören kriege.

Eine Idee fürs Schreiben, die dir keine Ruhe lässt, ist etwas Wunderbares. Egal, ob du denkst: Ich möchte unsere Familiengeschichte aufschreiben. Oder: Ein Liebesroman, bei dem am Ende nach vielen Wirrungen alle wieder mit den Ursprungpartnern zusammen sind – das wär's doch. Oder: Ich würde gerne mit anderen zusammen einen Krimi schreiben, der an einem Baggersee spielt. Plötzlich kommt der Zweifel: Ist meine Idee gut genug? Die Familiengeschichte interessant genug für die eigene Familie? Braucht die Welt den anderthalbmillionsten Liebesroman? Und kann man überhaupt mit anderen zusammen einen Krimi schreiben? Schnell gewinnt der nagende Zweifel überhand: Deine Idee ist höchstens mittelprächtig, die geht nicht. Und schwups: Ist wieder nicht geschrieben.

Aus eigener Erfahrung weiß ich ganz sicher: Eine Idee, die einen immer wieder heimsucht … Über die du nachdenkst, wenn du nachts mal nicht schlafen kannst oder wenn du so für dich hin durch den Wald taperst beim Nordic Walking. So eine Idee, die dich nicht loslässt, die dich verfolgt, die dein Herz hüpfen lässt – die ist es meistens wirklich wert, dass du ihr eine Chance gibst!

Frag dich mal gaaaaanz ehrlich, was dich davon abhält, einfach den ersten Schritt zu wagen und der Idee eine Chance zu geben. Nichts! Und dann leg einfach los! Setz dich nur mal auf ein Viertelstündchen hin und notiere dir fünf hübsche Anekdoten, die in deiner Familie zu bestimmten Ereignissen überliefert sind. Oder ruf deine Mutter an (o.k., deine Schwester) und verabrede dich mit ihr zur Fragerunde zu ihrem Leben. Oder such aus dem alten Fotoalbum drei Fotos von Onkel, Großtante und Urgroßmutter raus, zu denen du etwas schreiben willst. Mit ein bisschen Glück – und sehr wahrscheinlich – kommst du ins Schreiben, was beweist: deine Idee ist gut! Genauso geht es mit dem Liebesroman: einfach anfangen! Versuch dich an ersten Sätzen, schreib die Lebensläufe deiner Hauptfiguren, texte dir einen leckeren Klappentext und du wirst sehen: Deine Idee trägt. Draußen ist Frühling – da kannst du dich doch prima mit ein paar anderen spontan verabreden für den Biergarten, für das Straßencafé oder deinen Balkon und dann fällt der Startschuss für euren Baggersee-Krimi! Tolle Idee!

Wie oft habe ich es in Schreibkursen erlebt, dass jemand von seiner Idee erzählt hat, sie vorgestellt hat und dabei alle Zweifel mittransportiert hat: „Aber ich weiß gar nicht, ob meine Idee wirklich gut ist.” Oft waren es dann die Reaktionen der anderen, die die Zweifel beseitigen konnten. Wenn andere sagen: „Mach doch mal, das hört sich toll an. Das würde ich gerne lesen, schreib das!” Dann legen wir los. Komm, heute schaffst du das mal alleine, mach deine Zweifel-Bremse locker!


• Ich hab schon angefangen – aber schreibe ich gut genug?
Wenn du schon angefangen hast, ist es eigentlich ganz einfach: weitermachen. Setz dich (sofort, nach dem Mittag, heute Abend!) wenigstens fünf Minuten hin und versuche, ins Schreiben zu kommen. Wenn es klappt: wunderbar, dann schreibst du gleich weiter. Wenn es nicht klappt? He! Es klappt! Und wie willst du je rausfinden, ob das, was du da angefangen hast, gut genug ist, wenn du es nicht so weit voran treibst, dass du es anderen zeigen kannst? Komm, bring deinen Text voran, dann kommen die nächsten Schritte! Und die werden spannend.

• O.k., ich schreibe – aber interessiert das jemanden?
Ja, ja, ja! Deine Familie interessiert sich für deine Familiengeschichte, deine Freunde auch. Deine Bibliothekarin oder jemand aus dem Geschichtsverein sagt vielleicht: „Mensch, das ist auch was für eine kleine Lesung bei uns!” Dass dieselbe Bibliothekarin vielleicht auch Interesse an deinem heiteren Liebesroman haben könnte oder sogar noch mehr am Krimi vom Baggersee, versteht sich von selbst – besonders, wenn eure Gemeinde, eure Stadt auch so einen Baggersee hat! Merke: Nur, was aufgeschrieben ist, kann gelesen werden – und interessieren. Also greif zur Feder oder hau in die Tasten.

• Darf ich mich mit meinem Kram überhaupt in die Öffentlichkeit trauen?
Dürfen darfst du alles, müssen musst du nichts. Ich kenne ganz viele Schreiberinnen und Schreiber, die sagen sich jahrelang: Oooch, ich will ja gar nicht in die Öffentlichkeit mit meinen Sachen. Das ist auch gut so! Das nimmt ihnen nämlich den Druck, über dieses Thema genauer nachzudenken. Und wenn's hilft: wunderbar. Aber irgendwann kommt vielleicht doch der Gedanke: Öffentlichkeit, ja oder ja?

Stell dir vor, dein Text ist fertig, als Manuskript, als Buch, egal. Natürlich darfst du dich auch mit einer Baustelle in die Öffentlichkeit trauen, das nennt man dann Lesung aus dem Manuskript. Mach dir keine Sorgen, du könntest die Öffentlichkeit langweilen mit deinem Angebot – was ist das schlimmste, was passieren kann? Dass keiner kommt? Dass keiner deinen Text lesen oder hören will? Komm, da beugst du vor. Du schreibst einfach was Gutes und dann gilt die gute alte Redensart von Omi: Schreibe Gutes – und rede darüber, damit die Leute kommen und sich freuen. Wie das geht (Plakat, Presseartikel), ist ein Thema für sich – lass dir gesagt sein: Auch Zweifel und Bedenken auf diesem Gebiet lassen sich ausräumen, so dass Ausreden keine mehr Chance haben. Richtig eingefädelt kommen auch zu deiner ersten Lesung (nette!) Zuhörerinnen und Zuhörer. Fazit: Ja, du darfst mit deinen Texten in die Öffentlichkeit.

• Ich finde ja sowieso keinen Verlag …
„Ich will gar keine Veröffentlichung.” O.k. – „Und wenn ich eine wollte, würde ich ja sowieso keinen Verlag finden.” Aha. Woher weißt du das? „Na ja, da braucht man doch Vitamin B. Oder muss wenigstens jung und blond und langbeinig sein.” Ja, letzteres ist generell oft günstig – reicht aber beileibe nicht aus. Und das berühmte Vitamin B wie Beziehungen? Vergiss es. Es ist anders und viel einfacher. Wir leben nämlich im? Richtig, Kapitalismus. Verlage sind Teil des Wirtschaftssystems, sie wollen also was? Geld verdienen. Und das kriegen sie hin mit einem Text, der? Grottig ist, aber von einer Langbeinigen mit extrem viel Vitamin B (wie blond) geschrieben wurde? Es gäbe keine Verlage mehr, würden sie so arbeiten. Also: Verlage wollen Erfolg. Sie wollen glänzen. Sie wollen also Texte, mit denen sie Geld verdienen können. Große Verlage viel Geld, kleinere sind mit weniger zufrieden. Ja, nur die wenigsten Texte kommen in Verlagen unter – aber wenn deiner gut genug ist, um einem Verlag Umsatz zu bringen, dann darfst du auch Vitamin-B-freie kurze Beinchen haben.

Was ich sagen will:  Wenn du nicht anfängst … Oder weitermachst … Oder das Ganze mal fertig machst – wie willst du dann die anderen Schritte angehen? Was mir, und auch vielen meinen Schreibkursteilnehmern, hilft: ein bisschen Druck, den man sich auch selbst aufbauen kann. Das ist für mich im Zweifelsfalle ein Manuskriptabgabetermin beim Verlag. Das kann aber auch das Versprechen für eine Freundin sein: „Bis Monatsende schreib ich euch den Sketch für euer Dorffest.” Oder du bist bei deinen Mit-Krimi-Autoren im Wort: „Ich schreibe das Kapitel, in dem der Kommissar beim Techtelmechtel am Baggersee die Leiche findet.” Und du kannst dir auch selbst was versprechen, einfach vor dich hin sprechen: „Teil I der Familienchronik drucke ich in zehn Exemplaren und lass das Ganze im Kopierladen binden und dann verschenk ich's zu Weihnachten. Dieses Jahr!”

Du kannst deine Zweifel einfach austricksen – durch anfangen. Wirklich, die berühmten fünf Minuten hinsetzen und anfangen und wenn es läuft – weitermachen (und ansonsten: in den nächsten Tagen einfach wieder). Und wenn's dann so richtig Freude macht, das Schreiben – dann lösen sich die Zweifel in Luft auf.

Hör ich da noch ein Zweifelchen, ein versprengtes, ein heimtückisches grundsätzliches, so ein Totschlagsargument-Zweifelchen, das immer mal wieder aufploppt? So was wie:

• Muss ich nicht erst mal lernen, wie man schreibt? Da gibt es doch Regeln, das Handwerkszeug, oder?
Gegenfrage: Wenn du dir eine Hose nähen willst – muss die dann aussehen wie von Coco Chanel designt und von Spitzenkräften genäht? Nein, du freust dich, wenn dein schöner Stoff (!) Form annimmt, dir passt – da kommt es auf eine krumme Naht nicht an, sieht keiner! Natürlich gibt es beim Schreiben Handwerkszeug: Wie schreibe ich so spannend, dass der Leser bei der Stange bleibt? Wie schaffe ich interessante Figuren? Wie überarbeite ich das Ganze? Mach erstmal! Und wenn du doch zwischendurch was handfestes willst: Es gibt eine Menge sehr guter Bücher zum Thema schreiben, in meinen Kursen sind klar die beliebtesten „Romane und Kurzgeschichten schreiben” von Steele und „Schreiben in Cafés” von Nathalie Goldberg. (Nein, ich kriege kein Geld für diese Hinweise, du kannst die Bücher ganz normal im Buchhandel bestellen und hast sie dann da, wenn du sie brauchst). Am wichtigsten ist jedoch: anfangen. Schreiben. Und für alle Fälle gibt's einen richtigen Schwung Handwerkszeug oder Projektunterstützung auch bei mir. Machen jedoch – das kannst nur du. Also:

Weg mit den Zweifeln und – schreiben!

Frohe Ostern und einen guten Start in den Schreib-Frühling wünscht Euch Martina

 

Diese Kolumne erschien im pt-magazin März 2019
Kugelschreiber-Flut

 Hand aufs Herz: Verschenken Sie Kugelschreiber mit Ihrem Firmennamen drauf? Andere Hand auch aufs Herz: Stecken Sie jeden Kugelschreiber ein, der zum Beispiel an der Info-Mappe der IHK klemmt? Auf dem Schreibtisch des Hotelzimmers für Sie bereit liegt? Oder nehmen Sie – Achtung, klares Anzeichen für Suchtverhalten! – sogar einen Werbekuli einer politischen Partei an, die so gar nicht Ihre Richtung ist? Zählen Sie doch mal durch, wie viele Geschenk-Kugelschreiber so bei Ihnen im Büro und zu Hause wohlgeordnet oder verstreut herumliegen. Mehr als 20? Aber locker!

Immer, wenn ich Fotos vom Plaste-Müll in unseren Weltmeeren sehe, wenn hochbezahlte Spitzenpolitiker wieder mal eine Spitzenidee in die Medien prügeln wie: Befestigt doch endlich die Plastekappen an den Mehrwegflaschen so dauerhaft, dass die Kappen nicht einzeln in die Umwelt kullern können – immer also, wenn es um Plaste-Müll geht, frage ich mich: Und was ist mit den Kugelschreibern? Für 2019 heißt mein guter Vorsatz: Ich nehme keine Kugelschreiber mehr an!

In mein geistiges Ohr lacht jetzt höhnisch unsere ehemalige Redaktions-Sekretärin Sabine T., die es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, jeden Freitag mit einem leeren Kaffeebecher in der Hand vor meinem Schreibtisch zu erscheinen. In den sammelte sie alle Kugelschreiber ein, die ich im Laufe der Woche von ihrem Schreibtisch und von den Schreibtischen der Kollegen stibitzt hatte, wenn ich mal wieder nur kurz was zum Notieren gebraucht hatte. Ich gehöre nämlich nicht zu den hochorganisierten Leuten, die auch ohne Handtasche und Jackett stets ein repräsentatives Schreibgerät einsatzbereit halten. Gut, im Falle der Redaktionskugelschreiber handelte es sich immerhin um ein geschlossenes System, in dem die Stifte nur von Zimmer zu Zimmer wanderten. Aber es kamen ja ständig neue hinzu! Damals wie heute galt die Devise: Keine Pressekonferenz ohne ausgehändigten Kugelschreiber! Wo sind eigentlich die Grünen und Greenpeace und die Linken mit der Forderung: Stopp dem Kugelschreiberwahn – der ist ökologischer wie ökonomischer Blödsinn.

Im vergangenen Jahr lernte ich einen Musikschul-Inhaber kennen, der hatte die Werbe-Kugelschreiberflut auch schon auf dem Radar und hatte sich daher für seine Musikschule tatsächlich Bleistifte bedrucken lassen! Genial, oder? Klar ließ ich mir so einen Bleistift schenken, dachte sogar über eigene Bleistifte nach. Bis ich den von der Musikschule auf ein Stummelchen runtergeschrieben und nachgespitzt hatte –werbetechnisch irgendwie suboptimal.

Ja, bei diesem Thema bin ich hochsensibel und spreche offen über meine Sorgen. So versicherte ich einer Pensionsinhaberin in N. a.d. O. in der Vorweihnachtszeit, sie müsse keine Angst haben, wenn Sie mir einen Haartrockner leihe, Föne stecke ich nämlich (im Gegensatz zu Kugelschreibern) nie ein. Prompt legte mir die Wirtin während meiner Abwesenheit vertrauensvoll gleich zwei Föne ins Badezimmer. Und als ich von meiner Abendveranstaltung wiederkam, fand ich auf meinem Kopfkissen was? Einen Kugelschreiber mit Werbeaufdruck der Pension und eine Visitenkarte, darauf handschriftlich: zum Einstecken. Gut, den noch, dachte ich. Und ich schwöre: Das war der letzte Kugelschreiber, den ich angenommen habe.

- - - - - Wenn Martina Rellin, Ex-Chefredakteurin der Kultur-Zeitschrift Das Magazin und erfolgreiche Sachbuchautorin (Klar bin ich eine Ost-Frau!), nicht Kugelschreiber sammelt, schreibt sie. Leidenschaftlich. Für sich und andere. Bücher und Auftragskommunikation. Sie betreibt die Rellin Schreibwerkstatt bei Berlin und in Oybin im Zittauer Gebirge und vermittelt dort und in Leipzig Interessierten das Handwerk des kreativen Schreibens – und macht ab 2019 in Intensiv-Trainings alle fit, die Aufschieberitis oder Nervenflattern kriegen, sobald sie einen Text fürs eigene Geschäft schreiben müssen.

           

Diese Kolumne erschien im pt-magazin 5/2019
Mailen mit Lukas 6:38

Der Reifenanbieter schickt mir eine Mail, um mir 1-a-Winterreifen anzubieten. Meine Reifen sind noch tippi-toppi, Mail ungeöffnet löschen. Die Künstlerin verheißt in ihrer Mail-Betreffzeile neue Collagen und Aquarelle – ich habe mich aus diesem Newsletter-Verteiler noch nicht abgemeldet, um die Künstlerin nicht zu kränken – Mail ungeöffnet löschen. Auch die Mails vom Baumarkt, skandinavischen Möbelhaus und dem Weinhandel landen meist ungeöffnet in meinem Papierkorb. Warum? Ich bin doch nicht blöd, ich weiß: All die Absender sind vom Stamme Nimm! Sie schreiben mich nur aus einem Grunde an: Weil sie etwas von mir wollen. Mein Geld!

 Neulich fiel mir auf, dass auch ich ja von Zeit zu Zeit solche „Verkaufs”-E-Mails verschicke. Hm. Natürlich möchte ich sie nicht wirklich so nennen. Weil ich ja eine Liebe bin und nur das Beste für meine Kunden will! Ich maile ihnen zum Beispiel, wann sie mich bei meinen nächsten Lesungen treffen können. Und die Termine für meine tollen Schreib- und Marketingtrainings – die enthalte ich ihnen auch nicht vor. O.k., so ganz kostenlos sind diese Angebote nicht. Aber ich maile ja auch wirklich nicht so oft, weil ich weiß, wie Dauer-Bemailung nervt. Letztlich ist es gehupft wie gesprungen: Auch bei den Empfängern meiner Mails könnte der Eindruck entstehen: Ah, da soll ich wohl was kaufen – Lesung oder Schreibkurs, interessiert mich im Moment nicht: klick, Mail ungeöffnet löschen. Meine mit so viel Liebe geschriebene Mail zu meinem mit so viel Liebe gestrickten Angebot – klick, einfach gelöscht. Kein schöner Gedanke!

 Plötzlich packte mich der Ehrgeiz, ich dachte nach: Wie wohl müsste eine Mail aussehen, die für den Kunden unwiderstehlich ist. Die ihn magisch anzieht. Die den Kunden gar nicht erst auf die Idee kommen lässt: Die Rellin meldet sich ja nur, weil sie etwas von mir will (mein Geld oder meine Zeit oder beides). Und dann hatte ich’s: Die Mail müsste das glatte Gegenteil verheißen: Kunde öffne mich, Du bekommst etwas! Etwas Schönes, Nützliches, etwas, das Freude macht. Und das garantiert ohne Kosten für Dich. Gratis!

 Die Urlaubszeit stand vor der Tür. Urlaubszeit – Reisezeit. Und auf Reisen schreiben viele Menschen gerne Reisetagebuch. Sind mit dem Geschriebenen dann oft nicht so richtig zufrieden… Da war sie, die Idee für die Wunder-Mail: „Martinas 20 kostenlose Tipps für Dein Reisetagebuch”. So stand es in der Betreffzeile, die Tipps fanden sich in der Mail und hübsch gestaltet in einer angehängten pdf-Datei zum Ausdrucken. Übermütig hatte ich hinzugefügt: Wer noch keinen Urlaub hat, nimmt sich einfach ein paar Minuten frei und mag vielleicht diesen Satz weiterschreiben: Urlaub – das ist… Und wer daraus eine kleine Geschichte entwickelt hat, darf sie mir gern schicken. Nein es gibt nicht zu gewinnen – außer ein paar Anmerkungen von mir, die maile ich Euch prompt zurück (natürlich kostenlos!).”

Machen wir es kurz: Mit so viel Resonanz hatte ich nicht gerechnet. Ich bekam Dankes-Mails. Ich bekam so viele Geschichten zugesandt, dass ich schon um meinen eigenen Urlaub fürchten musste. Und, hihi, ich bekam auch Mails, in denen etwas stand wie: „Die kleine Geschichte zu schreiben hat mich auf die Idee gebracht, mich endlich mal wieder zum Schreibkurs anzumelden. Ist denn im November in Berlin noch was frei?“ Das ist dann wohl Mailen frei nach der Bibel, Lukas 6:38: Gebt, so wird euch gegeben.


- - - - - - - - -Wenn Martina Rellin, Ex-Chefredakteurin der Kultur-Zeitschrift Das Magazin und erfolgreiche Sachbuchautorin (Klar bin ich eine Ost-Frau!), nicht Gratis-Angebote vermailt, schreibt sie. Leidenschaftlich. Für sich und andere. Bücher und Auftragskommunikation. Sie betreibt die Rellin Schreibwerkstatt bei Berlin und in Oybin im Zittauer Gebirge und vermittelt dort und in Leipzig Interessierten das Handwerk des Schreibens in Kursen und Coachings.             


Zum Freuen und zur Erinnerung eine Frühlingskolumne, die im März 2013 in der MAZ erschien:

Schwein gehabt

Am Donnerstag war ich unterwegs und erhielt eine E-Mail vom Göttergatten: Es seien zwei Pakete bei uns eingetrudelt, ziemlich große, also für unsere Verhältnisse groß, normalerweise kommen ja nur handlich verpackte Bücher. Was in den Paketen denn drin sei, wollte der Göttergatte wissen – der Absender sei sehr merkwürdig, er laute Waschbär. Ja, die Frau Rellin ist so sehr mit Wildtieren in ihrer Umgebung befreundet, dass die Waschbären ihr jetzt schon Pakete schicken …
Unsinn – am Wochenende hatte ich ein bisschen Schnullikram für den Garten bestellt, Sie kennen das, draußen grünt es plötzlich wie blöd, da will man raus, wenigstens eine Kleinigkeit wie Tomaten oder Kräuter pflanzen. Dazu brauchte ich nun Vorrichtungen, mit denen ich mein Saatgut möglichst hoch und wildschweinsicher anbringen kann. Sie haben richtig gelesen: wildschweinsicher. Am Wochenende hatte ich es das erste Mal gesehen, ich wollte gerade probesitzen auf meiner neuen Gartenbank, da erschien das Wildtier. Erst hörte ich nur ein merkwürdiges Getrappel auf dem Kopfsteinpflaster der Straße: ein Hund mit Hausschuhen? Ein Mini-Pony, das hinter der Hecke nicht zu sehen wäre? Da kam es um die Ecke, besser: Sie kam um die Ecke, die Wildsau. Mit Schwung schoss sie direkt durch meinen Sanddorn, blieb stehen, sah mich aus großen braunen Augen an, als ob ich Obelix hieße und ihr direkt ans Fleisch wollte. Ich wollte aber nur eines: rein ins Haus, Tür zu, das alles mit ruhigen Bewegungen. Die Wildsau löste sich entweder in Luft auf oder entschwand durch unseren Zaun in den Wald. Am nächsten Morgen inspiziere ich besagten Zaun – hm, hochgebogen an einigen Stellen, aber doch wohl eher in der Größe Durchschlupf für den Fuchs (der springt im Zweifelsfalle ja auch gern drüber) oder einen Waschbären (der da noch nicht mal mit kleinen Paketen durchgekommen wäre). Egal, ich biege den Maschendrahtzaun in Form, wuchte Steine davor.
Mittags steht einer meiner Lieblingsnachbarn vor der Tür: Die Wildsau hat über Nacht die Kartoffeln in seinem Garten ausgegraben. Bei der nochmaligen Zauninspektion treffe ich den nächsten lieben Nachbarn, er ist gärtnerisch und handwerklich tausendmal fitter als ich. Trotzdem hat das Wildschwein zwei Latten in seinem Zaun aufgedrückt. Stante pede wurden die Schlupflöcher zwischen unseren Grundstücken dicht gemacht. Das Wildschwein möge es sich hinter seine borstigen Ohren schreiben: Jetzt ist Ruhe im Karton! Wir wissen, wo der Jäger wohnt!

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Zeit-online: Interview
zu den Göttergatten

TV: Göttergatten-Lesung
in Hannover,
rtl
berichtete


 

 

 

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